Zwangsstörungen

Wenn Zwänge das Leben bestimmen

Fast jeder wird sich schon einmal gefragt haben: "Habe ich das Bügeleisen abgezogen?", "Ist der Backofen wirklich aus?" oder "Habe ich die Haustür abgeschlossen?". Um sicher zu sein, dass wirklich alles ausgeschaltet bzw. abgeschlossen ist, wird man gewöhnlich noch einmal zurückgehen und nachprüfen. Dies ist zweifelsfrei auch sinnvoll, denn fast jedem ist es irgendwann schon einmal passiert, dass er etwas Wichtiges vergessen oder übersehen hätte.

Bei Menschen, die unter einer Zwangsstörung leiden, würde diese Situation jedoch anders ablaufen. Bei ihnen übersteigen diese Gedanken deutlich das normale Maß. Sie erleben diese Gedanken mit einer deutlich stärkeren, quälenden Intensität, was dazu führt, dass sie oftmals stundenlang bestimmte Rituale ausführen müssen, um diese Gedanken zu beseitigen.

Eine betroffene Person mit einer Zwangsstörung würde zum Beispiel auf den Gedanken "Ist das Bügeleisen auch wirklich aus?" 10 oder gar 100 Mal kontrollieren, ob der Stecker des Bügeleisens wirklich nicht mehr in der Steckdose steckt.

Was versteht man also genau unter einer Zwangsstörung? Der Patient berichtet häufig über einen inneren Drang, an bestimmte Dinge denken oder bestimmte Handlungen ausführen zu müssen. Dabei besteht seitens der Person ein starker Widerstand diesem Drang nachzugehen. Die betroffene Person sieht häufig ein, dass ihre Gedanken und ihre Handlungen übertrieben und sinnlos sind. Diese immer wieder aufkommenden Gedanken und damit verbundene Handlungen führen zu einer starken Lebensbeeinträchtigung des Betroffenen.

Die zwei Gesichter der Zwangsstörung: Zwangshandlungen - Zwangsgedanken

Zwangshandlungen

Zwangshandlungen sind wiederholt auftretende Verhaltensweisen, zu denen sich die Betroffenen gedrängt fühlen, obwohl sie wissen, dass ihre Handlungen übertrieben und sinnlos sind. In vielen Fällen wollen die Betroffenen durch diese Zwangsrituale sich und/oder nahe stehende Personen vor einer drohenden Gefahr/einem Unglück schützen.

Die Zwangsrituale, die von einem Betroffenen ausgeführt werden, können sehr unterschiedliche Formen annehmen. Besonders häufig treten jedoch Kontrollzwänge und Waschzwänge auf.

Personen mit Kontrollzwängen fühlen sich gezwungen, immer wieder bestimmte Dinge nachkontrollieren zu müssen. Vor allem richten sich diese Kontrollen auf elektrische Geräte des Haushaltes, auf Wasserhähne, Fenster und Türen, aus Angst, etwas Schlimmes könne passieren, und sie trügen die Schuld daran.

Personen mit Waschzwängen betreiben häufig exzessive Reinigungsrituale, um sich vor Verseuchung oder Ansteckung mit Krankheiten zu schützen. Durch vielfaches Händewaschen, Duschen, Baden und Haare waschen soll die Welt wieder "in Ordnung" gebracht werden.

Zwangsgedanken

Zwangsgedanken sind aufdringliche Impulse oder Vorstellungen bzw. Bilder, die die Betroffenen als unangenehm und peinlich erleben. Es handelt sich meist um aggressive, sexuelle oder gewalttätige Themen, die die Betroffenen als abstoßend und unannehmbar wahrnehmen, da sie häufig gegen gesellschaftliche Tabus verstoßen.

Betroffene dieser Zwangsgedanken erleben oftmals große Angst, weil sie glauben, diese Gedanken könnten ein Hinweis dafür sein, dass sie selbst schreckliche Dinge tun könnten, zum Beispiel jemanden angreifen, ihn verletzen oder gar umbringen. Sie versuchen diese Gedanken zu unterdrücken oder durch bestimmte Ritualhandlungen zu entkräften, obwohl dies oftmals nicht gelingt. Viele Betroffene schämen sich ihrer Zwänge und versuchen, sie geheim zu halten. Häufig denken sie, dass nur sie ein so absurdes Problem haben und dass niemand sie verstehen wird. Hier ist es wichtig zu wissen, dass Zwänge die vierthäufigste psychische Störung darstellen - somit nicht im Geringsten selten sind - und dass mittlerweile gute Therapiemöglichkeiten bestehen.

Zwänge haben viele Gründe

Bisher sind die genauen Ursachen für Zwangserkrankungen noch ungeklärt. Genau die eine Ursache scheint es dafür nicht zu geben. Es spielt scheinbar eine Reihe von verschiedensten Faktoren eine Rolle bei der Entstehung einer Zwangsstörung.

In manchen Fällen lässt sich eine eindeutige Situation für den Beginn der Störung erkennen. Zum Beispiel können deutliche Lebensveränderungen, wie zum Beispiel eine Heirat, eine Trennung oder ein Todesfall solche Situationen darstellen. Oftmals entwickeln sich Zwangsstörungen jedoch auch schleichend, ohne dass ein spezifisches Ereignis als Auslöser benannt werden kann.

Generell geht man also nicht von einem auslösenden Faktor sondern eher von einer Verkettung biologischer und genetischer Faktoren aus. Auch die Erfahrungen der Kindheit, die Bedingungen der Lerngeschichte und alltäglich auftretende Belastungsfaktoren müssen bei der Ursachensuche berücksichtigt werden.

Häufig berichten die Betroffenen davon, in einer Umwelt aufgewachsen zu sein, in der sie hohe Anforderungen an Leistung, Perfektion und Sauberkeit erfüllen mussten, ohne dass ihnen emotional viel Sicherheit vermittelt wurde. Solche oder ähnliche Bedingungen im Leben einer Person können dazu führen, dass die Personen auch im Erwachsenenalter ein starkes Verantwortungsempfinden besitzen und versuchen, ihrem hohen Leistungsanspruch gerecht zu werden. Dies kann dazu führen, dass die Betroffenen bestimmte Gedanken anders bewerten als andere und deshalb beim Auftreten eines belastenden Lebensereignisses oder bei länger anhaltendem Stress in einen Teufelskreis hineingeraten, aus dem sie ohne professionelle Hilfe nicht mehr aussteigen können.

Angststörungen kann man erfolgreich behandeln

Beziehe den Zwang in Deinen Willen mit ein, und Du wirst frei sein.

Immanuel Kant

Therapeutische Ansatzpunkte für die Behandlung von Zwangsstörungen gibt es sowohl von Seiten der Pharmakologie als auch unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren. Die in unserer Einrichtung durchgeführte Verhaltenstherapie bietet sehr gute Möglichkeiten, bestehende Zwangsstörungen erfolgreich zu behandeln.

Neben dem Aufbau einer Vertrauensbasis zum Therapeuten geht es am Anfang der Therapie vor allem darum, den Zwang in all seinen Facetten möglichst genau zu erfassen. Diese gewonnenen Informationen liefern dem Therapeuten ein umfassendes Bild über die jeweiligen Zwangsgedanken und -rituale, über die Dauer der Zwänge und deren Intensität. Auch die Patienten lernen dadurch ihre Zwänge in der Regel neu und anders kennen.

Im Anschluss an diese ersten Therapiesitzungen wird dann gemeinsam mit den Betroffenen ein individuell abgestimmter Behandlungsplan erarbeitet. Dazu gehört auch das gemeinsame Erarbeiten der Funktionen, die die Zwänge für den Patienten übernehmen. Der Therapeut wird gemeinsam mit dem Betroffenen sinnvolle und vor allem zwangsfreie Handlungsweisen entwickeln, die die Zwänge nach und nach ersetzen und somit dieselben Funktionen erfüllen können.

In speziellen Verhaltensübungen gemeinsam mit dem Therapeuten lernt der Betroffene, sich den Zwang auslösenden Situationen zu stellen, ohne die bisher ausgeübten Rituale auszuführen. Nach und nach wird der Betroffene lernen diese Übungen allein auszuführen und für sich selbst ein Stück Lebensqualität zurückerobern, weil es ihm gelungen ist, die für ihn wichtigen Lebensbereiche dem Zwang zu entreißen.