Essstörungen

Essen und Trinken...

...sind lebenserhaltende Faktoren und spielen darüber hinaus eine zentrale gesellschaftliche Rolle in unserem Leben.

Während wir heute im Nahrungsüberfluss leben, bestimmte Nahrungsknappheit Jahrhunderte lang das Leben der meisten Menschen. Das hat zur Folge, dass sich unser Körper im Lauf der Evolution eher auf Hungersnöte und nicht auf Nahrungsüberfluss eingerichtet hat.

Durch das Überangebot an Lebensmitteln beschäftigen sich zudem immer mehr Menschen mit der Frage, was und vor allem wie viel sie essen "dürfen" und "sollen", können aber dennoch mit dem Überangebot häufig nicht umgehen.

Dieser veränderten Ernährungssituation steht das in westlichen Kulturen verbreitete Schlankheitsideal entgegen. Umfragen ergaben, dass in der heutigen Gesellschaft deutlich mehr Menschen mit ihrem Körper unzufrieden sind als noch vor 25 Jahren.

Die unüberschaubare Vielfalt und ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln sowie die durch Medien verstärkt verbreiteten körperlichen Idealvorstellungen führen zu immer häufiger auftretenden Ernährungs-, Ess- und Gewichtsproblemen, die im schlimmsten Fall in Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) oder starkem Übergewicht (Adipositas) enden können.

Essstörungen betreffen vor allem jugendliche und junge erwachsene Frauen. In Deutschland weist bereits jede dritte Schülerin Störungen des Essverhaltens oder Frühformen von Essstörungen auf. Auch wenn bei Männern in den letzten Jahren eine Zunahme beobachtet wurde, sind Männer nach wie vor eher selten betroffen.

Was sind Essstörungen und welche Arten von Essstörungen gibt es?

Unzählige Artikel zeigen, dass schlank sein schon fast zur allgemeinen Besessenheit geworden ist. So ist es sicherlich kein Zufall, dass es in den letzten Jahrzehnten zu einer dramatischen Zunahme von Essstörungen, insbesondere der Magersucht und der Bulimie gekommen ist. Zu den Essstörungen gehören neben der Magersucht (Anorexia nervosa) und der Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) auch Essattacken und Erbrechen in Verbindung mit anderen psychischen Störungen sowie im weitesten Sinne auch starkes Übergewicht oder Fettsucht (Adipositas).

Betroffene der Magersucht sind untergewichtig und streben unbeirrbar danach, ihr Gewicht zu reduzieren und extrem schlank zu sein, was zu lebensbedrohlichem Untergewicht führen kann. Die Nahrungsaufnahme wird nicht mehr durch Hunger- und Sättigungsgefühl reguliert, sondern gedanklich streng kontrolliert, zum Beispiel durch striktes Kalorien zählen und dem strengen Einhalten von Regeln. Die meisten Betroffenen leiden unter starken Ängsten vor einer Gewichtszunahme beziehungsweise davor, dick zu werden. Etwa 95 % aller von Magersucht Betroffenen sind Frauen, wobei die meisten im Alter von 12 bis 20 Jahren erkranken.

Die Bulimie äußert sich sehr ähnlich, allerdings haben die Betroffenen in aller Regel kein Untergewicht. Im Vordergrund stehen wiederholt auftretende Heißhungerattacken, die meist zu unkontrollierbaren Essanfällen führen. Bei dieser Erkrankung haben Gewicht und körperliches Aussehen eine zentrale Bedeutung für das Selbstwertgefühl und die Selbstsicherheit. Die Betroffenen leiden an panischer Angst, an Gewicht zuzunehmen, weshalb viele bulimische Patienten unmittelbar nach den Essanfällen erbrechen oder durch strenges Fasten versuchen, die Gewichtszunahme zu verhindern. Dieser Teufelskreis beginnt meist mit einer Diät oder sogar einer Magersucht. Man geht heute davon aus, das ca. 1 bis 3% der 18 bis 35jährigen Frauen an Bulimie leiden.

Sowohl bei der Magersucht als auch der Bulimie kommt es aus Angst davor, dick zu werden, nicht selten auch zum Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmitteln. Bei den alleinigen Essattacken stehen wie bei der Bulimie Heißhungeranfälle im Vordergrund, wobei es allerdings nicht zu Maßnahmen wie Erbrechen oder Fasten kommt. Dieses übermäßige Essen stellt eine Reaktion auf belastende Ereignisse wie zum Beispiel Trauerfälle, Unfälle und Operationen dar und führt sehr häufig zu einer Gewichtszunahme.

Die Adipositas stellt streng genommen keine psychische, sondern eine körperliche Erkrankung dar. Hier können ganz unterschiedliche Formen von falschem Essverhalten vorliegen, wie eine einseitige Ernährung, eine übermäßige Nahrungsaufnahme oder aber auch Essanfälle.

Essstörungen haben außerdem schwerwiegende körperliche Konsequenzen für die Betroffenen. Innere Organe wie Leber oder Nieren können dauerhaft geschädigt werden. Knochen und Zähne werden angegriffen und die Muskelmasse abgebaut. Bei vielen an Magersucht leidenden Frauen kommt es zum Ausbleiben der Menstruation. Viele Betroffene berichten über ein niedriges Selbstwertgefühl und Depressionen. Der ständige Stress, dem sich die Patienten selbst aussetzen und die Angst, dass Angehörige das essgestörte Verhalten entdecken könnten, führen zu einer zunehmenden Vereinsamung. Insbesondere die für Bulimie typischen Heißhungerattacken verursachen erhebliche Kosten und können zu finanziellen Problemen führen.

Anzeichen einer Essstörung

Es existiert keine genaue Definition darüber was "normales" Essverhalten ist und ab wann genau eine Essstörung vorliegt.Allerdings können Sie auf ganz charakteristische Verhaltensweisen, Ihre Körperwahrnehmung und Gedanken, die typisch für eine Essstörung sind, achten. Umso früher Sie diese Verhaltensweisen erkennen und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, desto erfolgreicher ist in aller Regel die Behandlung.

Was sind typische Anzeichen für eine Magersucht?

  • starker Gewichtsverlust durch Vermeidung von kalorienhaltigen Speisen
  • Furcht, dick zu werden
  • Empfindung, trotz Untergewichtes zu dick zu sein
  • Ausbleiben der Menstruation als Folge der Mangelernährung
  • Gewichtsreduktion wird meist als beeindruckende Selbstdisziplin und Selbstkontrolle gewertet
  • Schwere medizinische Konsequenzen des mangelernährten Zustandes werden verleugnet

Was sind typische Anzeichen für eine Bulimie?

  • Häufige Episoden von Fressattacken (mindestens zweimal pro Woche), d.h. es werden große Mengen an Nahrung innerhalb kurzer Zeit aufgenommen
  • Andauernde Beschäftigung mit dem Essen
  • Unwiderstehliche Gier oder Zwang zu essen
  • Versuche, der Gewichtszunahme entgegenzusteuern durch: selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden und/oder Gebrauch von Appetitzüglern oder ähnlichen Präparaten
  • extreme Furcht, dick zu werden

Was können weitere Anzeichen einer Essstörung sein?

Essverhalten

  • wenn man Mahlzeiten häufig überspringt
  • nur kleine oder kleinste Portionen zu sich nimmt
  • gar nicht in der Gesellschaft anderer Leute essen will
  • wenn man aus dem Essen ein Ritual macht
  • sich mit Ausreden nicht am Essen mit der Familie beteiligt
  • wenn man das Essen nach ganz bestimmten Gesichtspunkten wie geringem Fett- oder Kaloriengehalt auswählt
  • wenn man den Kaloriengehalt der meisten Lebensmittel auswendig kennt (Magersucht)
  • oder wenn man im Gegenteil immer darauf achtet genug Essen im Haus zu haben (Bulimie)
  • wenn man viel raucht oder übermäßig Sport treibt, um sich vom Hungergefühl abzulenken

Gedanken

  • wenn man glaubt, sich nur durch übermäßig viel Sport das Essen verdienen zu können
  • wenn man der Meinung ist, sich durch Abnehmen besser zu fühlen und mehr Anerkennung zu erhalten
  • wenn man ein schlechtes Gewissen hat, sobald der Sport zu kurz kommt

Wie erklärt man die Entstehung von Essstörungen?

Man geht heute davon aus, dass es eine Reihe von Bedingungen bzw. Risikofaktoren gibt, die den Ausbruch einer Essstörung, genauer einer Magersucht, fördern können. Dazu gehören u.a. gesellschaftliche Bedingungen wie das in westlichen Ländern verbreitete Schlankheitsideal, aber auch individuelle Faktoren wie ein eher geringes Selbstbewusstsein oder familiäre Belastungen wie ein hohes Gewicht bei vielen Angehörigen.

Ist die Krankheit einmal ausgebrochen, kommt erschwerend hinzu, dass das positive Erleben durch Gefühle der Macht, des Wiederstehen Könnens und des Fastens oder Wahrnehmungsveränderungen zur Aufrechterhaltung der Krankheit beitragen.

Ähnliche Risikofaktoren lassen sich auch bei der Bulimie finden, etwa die Bestimmung des Selbstwertgefühls über die Figur, klassische Denkfehler (z.B. "Wenn ich einmal zu viel esse, verliere ich komplett die Kontrolle.") oder auch verstrickte Familienbeziehungen. Außerdem zeigt sich bei der Bulimie so gut wie immer eine Diät oder sogar eine Magersucht im Vorfeld.

Biologische Faktoren: Man nimmt heute an, dass Personen mit Essstörungen zumindest die Neigung dafür geerbt haben. Andere biologische Forschung wiederum konzentriert sich auf Teile des Gehirns, die verschiedene Körperfunktionen, wie das Essen, aufrechterhalten und dadurch den sogenannten set point (Gewichtssättigungspunkt) regulieren. Möglicherweise können Störungen in diesem Mechanismus ebenfalls Essstörungen verursachen.

Wie kann man Essstörungen erfolgreich behandeln?

Heutzutage sind wir in der Lage auch schwere Essstörungen mit gutem Erfolg zu behandeln. Dazu ist besonders wichtig, Therapieangebote zu schaffen und durchzuführen, die speziell auf die jeweilige Essstörung ausgerichtet sind und auf die individuellen Besonderheiten der Patienten angepasst werden.

Die heutigen Therapien gehen meist zweigleisig vor. So ist der erste Schritt in der Behandlung der Magersucht die Kalorienaufnahme der Patienten zu erhöhen, um anschließend in der Psychotherapie die Autonomie und das Selbstbewusstsein zu stärken sowie veränderte Denkmuster bewusst zu machen und aufzubrechen.

Bei der Behandlung der Bulimie steht die "kognitive" Therapie im Vordergrund. Dabei werden die betroffenen Patienten durch die Therapeuten angeleitet, Einstellungen zur Nahrung, zum Gewicht und veränderter Körperwahrnehmung zu diskutieren. Hiermit sollen geringes Selbstwertgefühl und perfektionistische Maßstäbe bewusst gemacht und anschließend geändert werden.

Als Ergänzung dieser kognitiven Methoden werden verschiedene (Wahrnehmungs-)Übungen oder auch Videotechnik eingesetzt, um das verzerrte Körperbild zu veranschaulichen und zu bearbeiten. Auch verhaltenstherapeutische Methoden, wie das Beobachten von Gefühlen und Erfahrungen mit Hilfe eines Tagebuches, helfen dabei, das Essverhalten objektiver wahrzunehmen und die Kontrolle über die Essanfälle zurückzugewinnen. Eine häufig angewandte Technik stellt dabei das Ernährungsmanagement dar. Gemeinsam mit dem Therapeuten lernen die Betroffenen ein gesundes alltägliches Essverhalten. Dabei steht nicht nur eine ausreichende Kalorienzufuhr im Vordergrund, sondern vor allem ausgewogene Nahrungszusammensetzung und die Planung regelmäßiger Essenszeiten.

Die gemeinsame Arbeit mit der Familie stellt besonders bei jugendlichen Patienten eine wichtige Säule im therapeutischen Prozess dar. Dabei werden bisherige Strukturen und Abläufe des Familienlebens aufgegriffen, um deutlich zu machen, dass die Familie nicht als Ursache zur Erkrankung wohl aber als gute Ressource zur Überwindung derselben angesehen werden kann.

Die Therapie von Essstörungen bildet neben der psychotherapeutischen Behandlung von Angststörungen und Depressionen den Behandlungsschwerpunkt unserer Ambulanz. Flexible Rahmenbedingungen, die intensive Betreuung und die individuelle Ausrichtung der Therapie auf den Patienten stehen dabei im Vordergrund.